Foto: trolvag - panoramio, Quelle: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0

19. November 2021
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Bodø, Norwegen | Björn Rosander mag die Sonne nicht. Vor sein Fenster hat er einen dunklen Vorhang gespannt, zugezogen bis auf den letzten Zentimeter. Licht spendet lediglich eine kleine Lampe, die auf dem Schreibtisch steht. Ihm gefällt es so im Halbdunkel, er hat sich daran gewöhnt in seiner alten Sieben-Quadratmeter-Zelle, in der das Tageslicht nur spärlich durch das kleine, vergitterte Fenster drang. 23 Stunden saß er dort allein, mal auf dem Stuhl, mal auf dem Bett.

Heute, sieben Monate später, hat Rosanders Fenster kein Gitter mehr, und wenn er den dunklen Vorhang wegziehen würde, sähe er die weiß und rot gestrichenen Einfamilienhäuser der Nachbarschaft und die blühenden Veilchen im Garten. Manchmal bekommt der 53-Jährige, kräftig gebaut, kahlrasierter Kopf, silberner Ohrring im rechten Ohr, noch ein mulmiges Gefühl, wenn er sein neues Zimmer anschaut. Der Schlüssel im Schloss, der Boden aus Holzlaminat, Ledersofa, Flachbildfernseher und eine Gitarre in der Ecke. Es sieht so gar nicht nach Gefängnis aus, eher wie ein Zimmer in einer Pension. Er darf es nicht verbocken, denkt Rosander dann. Männer wie er bekommen so eine Chance nicht noch einmal.

Das Credo in Norwegen: Die Insassen behalten alle Rechte außer dem ihrer Freizügigkeit.

Unter Strafvollzugsexperten heißt es, in keinem Land der Welt funktioniere Resozialisierung so gut wie in Norwegen. Die zuletzt 2010 gemessene Rückfallquote liegt bei 20 Prozent, in Deutschland hingegen wird fast jeder Zweite nach seiner Entlassung wieder kriminell. Das Credo in Norwegen: Die Insassen behalten alle Rechte außer dem ihrer Freizügigkeit. Das berühmteste Beispiel dafür ist die idyllische Insel Bastøy – dort leben die Häftlinge in einer Art Dorfgemeinschaft, dürfen sich frei bewegen und haben Zugang zum Strand. Auch das Luxusgefängnis in Halden machte Schlagzeilen, als Gerüchte aufkamen, dass der norwegische Massenmörder Anders Breivik in eine der hochwertig ausgestatteten Zellen einziehen sollte.

Aufgebaut ist das norwegische Strafsystem wie eine Motivationsleiter: Die Täter kommen meist erst in den geschlossenen Vollzug, der ähnlich streng ist wie der in Deutschland. Wer allerdings gute Führung vorweist und nicht als Sicherheitsrisiko gilt, darf in den breit ausgebauten und sehr liberalen offenen Vollzug wechseln. Jeder dritte Insasse in Norwegen sitzt dort ein, in Deutschland hingegen waren es 2017 nur 16 Prozent. Der letzte Schritt sind dann die sogenannten Halfway Houses, auf Deutsch: Halber-Weg-Häuser. Einrichtungen, die extrem auf Eigenständigkeit setzen und die Insassen auf ihre Rückkehr in die Freiheit vorbereiten sollen.

Gemeinschaftsraum
Einer der Gemeinschaftsräume für Insassen im Gefängnis Bodø. Foto: Kaja Klapsa

Seit sieben Monaten sitzt Rosander in einem solchen Halfway House in Bodø, einer ruhigen 50.000-Einwohner- Stadt im Norden Norwegens. Das Haus mit Holzfassade hat Platz für zwölf Häftlinge und steht mitten in der Stadt. Die meisten Insassen sind Schwerverbrecher am Ende langjähriger Haftstrafen, verurteilt wegen Überfällen, schweren Drogenhandels, Vergewaltigung. Auch Mörder wohnten in den vergangenen Jahren hier.

Jeder Insasse hat ein Zimmer mit eigenem Bad und Küchenzeile, es gibt einen großen Gemeinschafts- und Musikraum. Fast alle Häftlinge gehen einem Job oder einer Ausbildung außerhalb des Gefängnisses nach, die sie im Idealfall nach der Haft weiterführen. Beim Verlassen des Hauses geben sie ihren Schlüssel an der Rezeption ab. Von dem Gehalt zahlen sie die Miete für ihr Zimmer, 1.500 Kronen, umgerechnet circa 150 Euro im Monat. Arzttermine müssen selbst vereinbart werden, trainiert wird im lokalen Fitnessstudio der Stadt. Ein Häftling, der Kinder in Oslo hat, fliegt zwei Mal im Monat zu Besuch. An den Nachmittagen können die Insassen wandern, Fahrrad- und Skifahren oder – was Rosander besonders gefällt – im Fjord angeln gehen.

Auf der Terrasse des Gefängnisses in Bodo
Björn Rosander verbringt gerne Zeit draußen und grillt auf der Terrasse der Gefängniseinrichtung. Foto: Kaja Klapsa

An diesem bewölkten Nachmittag steht Rosander im Garten des Hauses auf einer Terrasse aus hellem Holz, neben ihm steht ein großer messingfarbener Grill. „Heute ist das Wetter leider zu schlecht“, sagt er und holt eine Packung Marlboro aus der Tasche seiner Jogginghose. „Sonst hätten wir ’ne Runde grillen können, so wie gestern.“ Er zündet sich eine Zigarette an, blickt auf das kleine Haus und schweigt. Er bläst den Rauch langsam aus. „Es ist wie im Paradies hier.“

Mit 15 Jahren ist Rosander von zu Hause abgehauen, zog in die WG einer Motorradgang ein. Sein Leben bestand aus langen Partynächten, Drogen und Schlägereien. 2009 wurde er wegen Drogenhandels festgenommen, saß eineinhalb Jahre im Gefängnis, kam raus – und wurde wieder rückfällig. 2014 stellte die Polizei schließlich zehn Kilogramm Haschisch und zwölf Kilogramm Amphetamine bei ihm sicher, dazu kamen Gewaltdelikte. Das Urteil: acht Jahre. „Sieben Leute mussten mich ins Polizeiauto tragen, ich war voller Hass“, erinnert sich Rosander.

Im geschlossenen Vollzug machte er sich schnell unbeliebt. Als ihm einmal etwas nicht passte, packte er einen Beamten am Kragen und schüttelte ihn durch. So erzählt er es. Er begann eine Therapie für Drogenabhängige, bekam Substitutionsprodukte, die er bis heute einnimmt. Er nahm an einem Antiaggressionstraining teil, ein Sozialarbeiter vom Roten Kreuz besuchte ihn jede Woche für eine Stunde. „Er war ein toller Typ“, sagt Rosander. Sie sprachen über seine Kindheit, die Drogen, die Frage der Schuld. „Es kam ein Punkt, an dem ich verstand, dass sie mir tatsächlich helfen wollen.“ Einem Beamten fiel die Entwicklung des Ex-Rockers auf. Er riet ihm, sich beim Halfway House zu bewerben.

Während Rosander erzählt, läuft eine blonde Frau mit Lederjacke durch den großen Garten auf ihn zu. „Björn war gestern zusammen mit Morten als Sicherheitsdienst beim Handballspiel, sie haben dort gearbeitet, ganz toll, ich bin so stolz auf ihn“, sprudelt es aus ihr heraus. Sie kramt in ihrer gelben Handtasche nach ihrem Handy. „Da, schau mal“, sagt sie. Auf dem Bildschirm ist ein Foto von Rosander und zwei anderen Männern in neongelben Sicherheitswesten zu sehen. Es gebe die Vereinbarung mit dem Betreiber, berichtet sie, dass einige Insassen dort ab und zu arbeiten dürften, im Gegenzug gebe es kostenlose Tickets für die Handballspiele.

Die Haftanstalt Bastøy befindet sich auf der gleichnamigen Insel im Oslofjord, etwa 75 Kilometer südlich von Oslo. Das Gefängnis fungiert als eigenständige kleine Gemeinde (Inselgemeinde) mit ca. 80 Gebäuden, Straßen, Strandzonen, Kulturlandschaft, Fußballplatz, Kulturland und Wald. Die Insel ist etwa 2,6 qm groß und beherbergt etwa 100 Straftäter. Foto: Grim23, Quelle: wikimedia commons, GFDL 1.2

Die Frau heißt Anne-Christine Sivertsen, ist 59 Jahre alt und seit 2006 die Leiterin der Einrichtung. Keiner ihrer Mitarbeiter trägt eine Uniform oder ist bewaffnet. „Wir respektieren die Insassen, und sie respektieren uns“, sagt sie, und obwohl der Satz wie eine Floskel scheint, klingt er glaubwürdig. „Wir versuchen, dass ihr Leben hier so normal wie möglich ist. Sonst kommen sie draußen nicht mehr klar.“ Ob die Insassen die vielen Freiheiten nicht nutzen, um abzuhauen? Nein, sie wüssten, dass sie dann direkt in den geschlossenen Vollzug zurückgeschickt würden, entgegnet sie. „Das will niemand.“ Und der Effekt der Abschreckung? „Das funktioniert nicht. Wenn jemand eine Straftat begeht, ist er sich sicher, dass er nicht erwischt wird.“

„Was für einen Menschen willst du später als Nachbarn haben? Einen, der nach zehn Jahren in einer finsteren Zelle voller Wut und Hass ist? Oder einen, der Job und Wohnung findet und sich wieder in die Gesellschaft eingliedert?“

Auch mit der Nachbarschaft gebe es keine Schwierigkeiten, sagt die Leiterin, die selbst in einer Nebenstraße des Gefängnisses aufgewachsen ist. „Ich habe als kleines Mädchen draußen gespielt, es war nie ein Problem.“ Pädophile würden zudem wegen der nahe gelegenen Schule nicht in die Einrichtung aufgenommen. Manchmal kommen die Insassen nach der Freilassung auf einen Kaffee vorbei, suchen Rat oder erzählen, dass sie geheiratet oder einen neuen Job haben.

Anne-Kristin Sivertsen, Leiterin der Einrichtung in Bodø
Anne-Kristin Sivertsen ist seit 2006 die Leiterin der Einrichtung in Bodø. Foto: Kaja Klapsa

Es komme auch immer wieder vor, sagt Sivertsen, dass einige nach dem Ende der Haft in der Einrichtung bleiben wollten. „Bei uns zahlen sie 1.500 Kronen Miete, in der Stadt sind es für eine kleine Zweizimmerwohnung durchschnittlich 13.000 Kronen“, sagt sie. Aber darf denn Strafe so schön sein, dass Häftlinge freiwillig bleiben wollen? „So schön ist es doch gar nicht“, sagt sie zögernd. „Wir haben sie ja 24 Stunden im Blick.“

Die Diskussion über die Frage, was eigentlich wichtiger sei, Bestrafen oder Resozialisieren, kennt Marte Helness gut. Sie ist die übergeordnete Direktorin dreier Gefängnisanstalten in der Region, darunter auch des Halfway House und des geschlossenen Vollzugs. „Viele Menschen in Norwegen sind der Meinung, die Insassen würden zu wenig leiden“, erzählt die 63-Jährige beim Gespräch in ihrem Büro. Sie weist darauf hin, dass in Norwegen jeder Häftling irgendwann entlassen werde, die Maximalstrafe liegt bei 21 Jahren.

„Was für einen Menschen willst du später als Nachbarn haben? Einen, der nach zehn Jahren in einer finsteren Zelle voller Wut und Hass ist? Oder einen, der Job und Wohnung findet und sich wieder in die Gesellschaft eingliedert?“ Sie legt eine Pause ein, um ihrer rhetorischen Frage Raum zu geben. Dann sagt sie: „Wenn es um die Opfer geht, verstehen wir natürlich ihren Wunsch nach einer Art Vergeltung. Sie haben großen Schmerz empfunden. Aber wir werden die Insassen deswegen nicht schlechter behandeln.“

Die Haftanstalt als (Re-)sozialisierungs- und Ausbildungsstätte

Auch der norwegische Strafvollzug setzt auf die Wirkung von Gefängnissen. Allerdings sollen diese weniger der Abschreckung als der Resozialisierung dienen. Norwegische Forscher untersuchten von 2005 bis 2009 den Werdegang von 22.000 norwegischen Gefangenen, die vergleichsweise kurze Haftstrafen absitzen mussten – im Schnitt sechs Monate. Die Studie ergab, dass die Häftlinge im Vergleich zu Straftätern, die eine mildere Strafe als das Gefängnis erhalten hatten, im Anschluss an ihre Strafe 40 Prozent häufiger erwerbstätig waren. Die Autoren der Studie kamen außerdem zu dem Schluss, dass die geringe Rückfallquote Norwegens auf den Schwerpunkt auf Rehabilitation und Berufsausbildung in den Haftanstalten zurückzuführen ist. Quelle: Ryan Berger, 2016, S. 20/21

Die Statistik der niedrigen Rückfallquote gibt Helness Argumentation recht. Würden ihr auch die Deutschen recht geben? Könnte das norwegische Modell ein Ausweg aus den Negativschlagzeilen deutscher Haftanstalten sein – der Überfüllung, der Brutalität, den immer wiederkehrenden Ausbrüchen? Ja, sagt Bernd Maelicke, Vollzugsexperte und seit 2005 Gründungsdirektor des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft in Kiel. Dazu müssten deutsche Haftanstalten häufiger externe Dienstleister in den Strafvollzug einbeziehen. „Die deutschen Gefängnisse sind Sonderwelten mit eigenen Lehrern, Ärzten und Pfarrern. So wird die Resozialisierung unnötig erschwert.“ In Norwegen hingegen blieben die Insassen mit allen Rechtsansprüchen an das Regelsystem angeschlossen, was auch den Vollzug entlaste.

Deutschland brauche einen viel stärker ausgebauten offenen Vollzug, fordert der Jurist. Dieser ist in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich geregelt. So sind laut Maelicke zum Beispiel in Berlin 30 Prozent der Häftlinge im offenen Vollzug untergebracht, während es in Bayern und Schleswig- Holstein nur ungefähr fünf Prozent sind. Dabei könne man mit erfolgreicher Resozialisierung auch viel Geld sparen: Weniger Rückfälle bedeuten weniger Haftkosten und größere Chancen für eine Schadenswiedergutmachung und Schmerzensgeld.

„Menschen müssen nicht wegen Schwarzfahrens weggesperrt werden“, kritisiert zudem der Jurist, der unter anderem auch Honorarprofessor an der Universität Lüneburg ist. Er wünscht sich bei kleineren Delikten mehr Alternativen zur Haft – zum Beispiel die elektronische Fußfessel oder gemeinnützige Arbeit. In Norwegen kann sich jeder, der eine Haftstrafe von weniger als vier Monaten bekommt, um eine elektronische Fußfessel bewerben und wird so nicht aus der Familie und seinem Job herausgerissen.

Beim derzeitigen gesellschaftspolitischen Klima in Deutschland sieht der Vollzugsexperte allerdings wenig Chancen für eine Reform. So sei zwar auf der einen Seite die Kriminalitätsrate in Deutschland niedrig, das subjektive Unsicherheitsempfinden aber hoch. „Resozialisierung ist ein politisches Loserthema geworden. Kein Politiker kann mit der Forderung nach Vollzugslockerungen oder weniger Gefängnisstrafen beim Wähler punkten.“ Im Koalitionsvertrag komme der Begriff Resozialisierung nicht vor.

Der Norweger Rosander kommt im Dezember frei, will bei einem Kumpel auf dem Fischerboot mitarbeiten. Das Wichtigste, sagt er, sei, dass er jeglichen Kontakt zu seinen Freunden von früher abbreche. Deswegen hat er sie vorsichtshalber bei Facebook und in seinem Telefonbuch gelöscht, lediglich 25 Nummern sind ihm geblieben. „Das hört sich vielleicht komisch an“, sagt er zwischen zwei Zigarettenzügen, „aber ich glaube, der Knast hat mich zu einem anständigen Kerl gemacht.“

Diese Reise war Teil des Reporterwettbewerbs „Talents2Norway“, zu dem unsere Autorin eingeladen wurde. Die Reise wurde unterstützt durch „Innovation Norway“.

Dieser Artikel ist zunächst im Juli 2019 in der „Welt“ erschienen.

Kaja Klapsa –
ist seit 2019 Redakteurin im Ressort Innenpolitik bei „Welt“ und „Welt am Sonntag“. Sie studierte Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und absolvierte ihre Journalistenausbildung an der Axel-Springer-Akademie.