Skulptur aus alten Fahrradschläuchen | Foto: Matt Brown, flickr.com, grafische Bearbeitung bachrauf.org, CC BY 2.0

8. Dezember 2022
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Beim Eingießen löst sich der Deckel von der Kanne. Er fällt in die Teetasse und zerteilt das kostbare Porzellan in zwei Scherben. Die Überschwemmung ist schnell beseitigt – aber was tun mit der kaputten Tasse? Die Reaktion ist ein Test, wie tief die Wegwerfgesellschaft verinnerlicht wurde. Es gibt makellosen Ersatz, also kommen die Scherben in den Müll! Aber auf der anderen Seite verlocken zwei passende Bruchstücke zu dem Versuch, sie mit geeigneten Mitteln wieder zu verbinden.

Wer sich auf den Weg zu solchen Lösungen macht, betritt eine Welt, die älter und zukunftsträchtiger ist als die Konsumgesellschaft: Die Welt der Reparatur. Wenn er sich auf sie einlässt, entdeckt er auch neue Freuden und ganz nebenbei ein Thema, das uns seit dem Krieg in der Ukraine endlich die Sorgen macht, die es schon lange verdient: Rohstoffe sind knapp, auch wenn sie angesichts der überfüllten Regale unserer Supermärkte unerschöpflich wirken.

„Wer sich dem Gedanken öffnet, Kaputtes zu reparieren, muss sich auf eine Weise für Struktur, Material und Innenleben von Dingen interessieren, die zwar fordernder, aber auch inspirierender ist als die Suche nach dem perfekten Ersatz.“

Die seelische Haltung des Reparateurs passt gut zu meinem Brotberuf, dem des Psychotherapeuten. Ich arbeite viel mit Paaren und Familien. Dort begegne ich einem Impuls, der aus der Konsumwelt in die Gefühlsbeziehungen hinübergreift: Was nicht so funktioniert, wie ich es mir vorstelle, was gar kaputt auf mich wirkt, das werfe ich weg. Nur dass es in diesem Fall leider kein Regal gibt, aus dem ich mir die gute Neuware holen kann, wenn ich den defekten Partner entsorgt habe. Den primitiven Impuls, sich vom Unvollkommenen zu trennen, sollte im reifen Erleben die Einsicht hemmen, dass wir den Verlust oft nicht ersetzen können. Wir sollten also versuchen, die Störung zu verstehen, nach ihren Ursachen zu forschen und den Mangel zu beheben.

Wer sich dem Gedanken öffnet, Kaputtes zu reparieren, muss sich auf eine Weise für Struktur, Material und Innenleben von Dingen interessieren, die zwar fordernder, aber auch inspirierender ist als die Suche nach dem perfekten Ersatz. Diese Einstellung ist es auch, die uns weiterhilft, wenn beispielsweise Kinder so störrisch auf unsere Erziehungsversuche reagieren wie ein Gerät, dessen Bedienungsanleitung wir ignorieren.

Es gibt in der Psychologie die Unterscheidung zwischen Regression und Progression. Regression ist die Rückkehr zu möglichst einfachen und bequemen Haltungen, wie sie sich etwa in dem Jugendwort chillen oder in dem etwas makabren die Seele baumeln lassen finden. Progression hingegen ist die aktive Einstellung des Menschen, der sich für die Lösung eines Problems engagiert. Wer der Regression gehorcht, bleibt im gemachten Bett; wer sich für die Progression entscheidet, steht auf und sucht nach Antworten. Die Konsumgesellschaft hat eine aberwitzige Tendenz, mit höchstem progressivem Aufwand maximal regressiv eingestellte Konsumenten zu produzieren. Dass auf diesem Weg auch Abhängigkeiten und selbst neue Formen von Verzweiflung entstehen, wird erst einmal nicht ins Kalkül gezogen. Es ist natürlich bequemer, Motorräder mit einem Knopfdruck zu starten und Texte mit einem Schreibprogramm zu verfassen. Aber wenn die Batterie leer ist, sehnt sich der Fahrer nach der guten alten Tretkurbel – und wenn die Textverarbeitung durch Fehlbedienung oder Absturz seine Arbeit löscht, kann die Arbeit von Wochen einfach verschwinden.

Wenn wir Unlust verspüren, erhält unser Verstand den Auftrag, dem abzuhelfen. Er geht in der Regel ökonomisch vor, das heißt, er bevorzugt gebahnte Wege, auf denen das Ziel schneller und bequemer erreicht wird. Anderseits ist zu viel Bequemlichkeit nicht gut, sie macht uns träge, lässt unsere Fähigkeiten verkümmern, sperrt uns von neuen Erfahrungen ab. Aus diesem Grund gibt es auch eine Neigung, den gebahnten, bequemen Weg zu verlassen, etwas Neues auszuprobieren, einen Weg zu gehen, den noch niemand betreten hat.

„Ingenieure und Programmierer werden immer schlauer und die Konsumenten immer dümmer, weil ihnen die Geräte Lernmöglichkeiten rauben, die durch eine reparaturoffene Konstruktion angeboten würden.“

Die typische Maschine der Konsumgesellschaft ist hermetisch. Sie öffnet sich nur dem Spezialisten, dem Käufer wird gesagt: du verstehst sowieso nichts, lass dich von der Automatik verwöhnen. In der Folge werden die Ingenieure und Programmierer immer schlauer – und die Konsumenten immer dümmer, weil ihnen die Geräte Lernmöglichkeiten rauben, die durch eine reparaturoffene Konstruktion angeboten würden.

Als Kind habe ich noch das dörfliche Handwerk miterlebt, den Schmied zum Beispiel, bei dem mein Großvater seinen Pflug reparieren ließ, den Sattler, der mir aus unverwüstlichem Schweinsleder meinen ersten Schulranzen nähte. Solche Handwerker waren immer auch Lehrmeister für den Reparaturinteressierten, man konnte ihnen über die Schulter schauen und sehen, wie Sachen gemacht werden. Der Schuster, der mir ein Paar von ihm gefertigter Schuhe verkauft, wird mit Verständnis reagieren, wenn ich sie ihm mit durchgelaufener Sohle bringe.

Das Fahrrad ist ein gutes Beispiel dafür, wie es den Strategen der Konsumgesellschaft gelingt, eine geniale Idee zu maximaler Dummheit weiter zu entwickeln – etwa Schaltungen, die per Funk die Gänge wechseln und natürlich Batterien brauchen. Professionelle Mechaniker werfen bei einer Panne die in den meisten Fällen bis auf eine winzige Fehlstelle intakte Luftkammer weg und ersetzen sie durch eine neue. Wo Zeit Geld ist und der Stundenlohn hoch, ist es teurer, das Löchlein zu flicken als den kompletten Schlauch samt Ventil zu erneuern. Diese Verschwendung wird sogar begründet: Man wisse doch nie, ob es nur eine oder etwa gar mehrere undichte Stellen gäbe. Außerdem werde Gummi im Alter porös, also weg damit.

Ich lernte das Radfahren 1949 mit dem Rad meiner Mutter, das ebenso alt war wie sie; ich bin sicher, dass die Schläuche unter den Decken so alt waren wie das ganze Rad. Ein gepflegter Schlauch hält länger als der Mantel, der ihn umgibt. Gummi leidet vor allem unter dem Sonnenlicht. Porös werden die Decken oder Mäntel an dem klassischen Dunlop-Reifen, das lässt sich nach einigen Jahren unschwer erkennen. Schläuchen sieht man ihr Alter nicht an, so lange sie nicht schlecht behandelt worden sind.

Das Flicken hat seine eigene Poesie, vor allem dann, wenn es um einen dieser tückischen Luftverluste geht, die sich erst nach Tagen bemerkbar machen und oft dazu führen, dass zum ersten ein zweiter Schaden kommt, wenn der Reifen an ein Hindernis stößt und das Luftpolster zu schlaff ist, den Stoß aufzufangen.

Kein Fahrradschlauch sollte „entsorgt“ werden ohne das gehörige Ritual der Taufe. Zu diesem gehört, dass das Luftpolster nicht hastig an der Stelle eines erkannten Defekts unter der Decke hervorgegraben und geflickt wird. Ich sollte mir die Zeit nehmen, die Decke abzunehmen, den Schlauch noch einmal aufzupumpen und ihn einmal durch eine große, mit Wasser gefüllte Schüssel zu ziehen.

Ein nicht mehr unter seine Decke gezwängter, von der alten, nach Gummi stinkenden Luft befreiter und frisch aufgepumpter Schlauch individualisiert sich, er nimmt Formen an, die er sich in seiner Zwangsjacke niemals zugetraut hätte, bläht sich links und rechts von der Taille, die durch die verstärkte Textur um das Ventil geschaffen wird. In dem Wasserbad enthüllt er dann alle Geheimnisse. Feinste Luftblasen perlen aus einem sonst niemals sichtbaren Loch, das jetzt mit Kugelschreiber oder Filzstift markiert wird.

Auch das Ventil wird geprüft. Bei der Sclaverand-Variante lässt sich sogar etwas bessern, wenn sich ganz langsam eine dicke Blase bildet und aufsteigt: ich schraube es einen Tick fester zu. Am reparaturfreudigsten waren die alten Dunlop-Ventile mit dem Schläuchlein, das freilich nur widerwillig dem Druck der Luftpumpe nachgab und mehr Kraft erforderte als die staubanfälligen Patentventile, die es dem Radler nicht verzeihen, wenn er die Ventilkappe verliert.

Das gründliche Flicken mit Aufrauhen, Salben mit der Gummilösung, Aufdrücken des passenden (manchmal passend geschnittenen) Flickens und erneuter Prüfung im Wasserbad gibt während der nötigen Pausen auch Gelegenheit, die Decke zu prüfen und vor allem deren Innenseite abzutasten, ob nicht ein besonders tückischer Dorn oder Metallsplitter verborgen im Gummi steckt und erst unter Druck gerade so weit hervorspringt, dass er den Schlauch zum zweiten Mal punktiert.

Auf solchen Wegen können wir einem Fahrradschlauch ein zweites und drittes Leben besorgen, statt ihn beim ersten Defekt zu entsorgen. Dieses Wort kann einen wirklich besorgt machen, es enthält einen Appell an Gedankenlosigkeit, der das Ex und Hopp spiegelt. Wir entsorgen den Schlauch ja nicht, sondern wir verleugnen die Sorgen, die uns dieses Stück Verschwendung machen sollte.

Wir haben kurzfristig ein Problem mit dem sparsamsten Aufwand an Intelligenz und Handfertigkeit „entsorgt“, aber langfristig sowohl unsere persönliche Tauglichkeit für eine lebenswerte Zukunft wie die Rohstoffreserven geschmälert. Um ein Winziges, schon gut, aber genau das ist ja ein Teil des Problems: nichts tut uns weh, niemand kritisiert uns, wir sind glänzend gerechtfertigt – und machen doch die Welt ein bisschen mehr kaputt als es eigentlich sein müsste. Wir vergeuden Ressourcen, weil wir uns etwas vorlügen: Dass unsere handwerkliche Intelligenz geschont werden muss, während Material und Energie so wenig wert sind, dass wir sie verschwenden dürfen.

In Wahrheit ist es umgekehrt: wir haben unterbeschäftigte und untergeschickte Hände im Überfluss, aber die Rohstoffreserven werden knapp. Ist es denn wirklich erfreulicher, wenn die Familie den Abend vor Bildschirmen verbringt, wenn die Alternative wäre, dass Eltern und Kinder an einem Fahrrad schrauben? Womöglich das für solche Fürsorge dankbare Rad des Großvaters und nicht das für Laienhände schon recht unzugängliche E-Bike der Mutter.

„Die sorgfältige Reparatur ist in Japan zu einer wahren Kunstform gediehen.“

Was ich reparieren konnte, habe ich auf eine neue Weise verstehen, aber auch lieben gelernt, wenn ich es mit dem typischen Konsumgegenstand vergleiche. Das setzt ein Umdenken voraus, denn ein perfektionistischer Zug, den Freud mit einer allzu erfolgreichen Sauberkeitserziehung verbinden würde, prägt das Alltagsverhalten vieler Europäer. Sie verbinden reparierte Dinge mit Armut und Unvollkommenheit. Die Hausfrau schämt sich, wenn Gäste kommen und die kunstgerecht mit Hilfe eines Zweikomponenten-Klebers reparierte Tasse auf dem Tisch steht. Es sei denn, sie ist stolz auf eine Tasse, die doch persönlicher ist und mehr mit dem Geschick ihrer Hände verbunden als der Rest des Service.

Hier können wir von den Japanern lernen. Sie haben seit langem gegen die laute, prunkvolle, perfektionistische Ästhetik einer dominanten Kultur Wabi und Sabi als Suche nach Schönheit im Unvollkommenen entdeckt. Ursprünglich bedeutete Wabi Armut, Rückzug in Einsamkeit und ein bescheidenes Leben in der Natur; Sabi verwelkt, gealtert. Die Begriffe wurden aber schon seit dem 14. Jahrhundert positiver besetzt und wie einer verwendet.

Teeschale, beigefarbener Grund, graues feines Muster, goldene Reparaturen, die zum Teil selbst Muster haben.

Teeschale, 15. Jahrhundert, Joseon Dynasty, Korea (Reparaturen Japan). Traditionell koreanisches Steingut (Buncheong-Ware oder Punch’ong) mit geprägtem Schlickerdekor und späteren Goldlackreparaturen.
© The Trustees of the British Museum, grafische Bearbeitung: bachrauf.org, CC BY-NC-SA 4.0

Eine der Bedeutungen von Sabi ist „Rost“ – der Europäer greift zur Drahtbürste und zum Rostumwandler; der von Sabi inspirierte Japaner lässt den Rost, wo er keinen Schaden anrichtet, und nennt ihn womöglich auch noch die „Blume der Zeit“. Die Kunst der Reparatur ist in Japan zu einer in keiner anderen Kultur auffindbaren Vollkommenheit gediehen. Ein Beleg dafür ist Kintsugi (wörtlich: „Goldverbindung“). Zerbrochene Schalen werden mit dem Harz des ostasiatischen Lackbaums (Rhus vernicifera) nicht nur geklebt, sondern das herausquellende Material wird mit Goldstaub bepudert.

Dieses Urushi-Harz wird seit der Jungsteinzeit gebraucht. Es diente anfangs dazu, Feuersteinspitzen in Pfeilschäften zu befestigen. Eine mit dieser Technik geflickte Schale ist ein Kunstwerke eigener Art. Goldene Adern zeichnen die Umrisse der Scherben nach, die sich in ein gebrauchsfähiges Gefäß zurückverwandelt haben. Heute gibt es gebrauchsfertige Kintsugi-Sets und viele Anleitungen im Internet, das nicht nur Werbebüttel des Konsums ist, sondern auch einen Schatz an Reparatur-Informationen bietet.

Wer sich für altes Gerät interessiert, wird Reparaturen begegnen, die so sorgfältig ausgeführt sind, dass sie den Gebrauchswert des Ganzen nicht gefährden. Sie machen ein Ding menschlicher. Selbst eines, das aus Maschinen geboren wurde, trägt nun die Spuren von Handarbeit. Mit ihrer Hilfe hat es dem Schicksal getrotzt, das alles Vergängliche irgendwann ereilt.

Dieser Artikel ist im September 2022 in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen.

Links zum Thema

  • Repaircafés sind bereits zu einer weltweiten Bewegung geworden. Hier werden ehrenamtliche Reparateure mit hilfesuchenden Toaster-Besitzern vernetzt. Außerdem gibt es Anleitungen für klassische Reparaturen: repaircafe.org
  • Die deutschlandweite Initiative „Hey Alter!“ sammelt alte Rechner bei Unternehmen, Institutionen und von privaten Haushalten, macht sie fit und verteilt sie an Schülerinnen und Schüler. heyalter.com
  • Computertruhe e. V. – Computer für bedürftige Menschen und gemeinnützige Organisationen

Wolfgang Schmidbauer –
arbeitet als Autor und Psychotherapeut in München. 2020 erschien im Oekom-Verlag „Die Kunst der Reparatur“. Mehr auf wolfgang-schmidbauer.de