Foto: Matthias Berg, flickr, CC BY-NC-ND 2.0

13. September 2023
Lesedauer 4 Minuten

bachrauf-Serie: Verkehrswende
Teil 2

Über die Serie
Der Transport von Menschen und Gütern erleichtert das Leben, ist aber vielerorts längst noch keine Selbstverständlichkeit. In ländlichen Regionen kommt man oft kaum weg vom Fleck – nicht nur, aber vor allem im globalen Süden. In den weltweit schnell wachsenden Städten dagegen breitet sich der Autoverkehr noch immer weiter aus. Gleichzeitig bedroht das Auto den menschlichen Lebensraum – weil es Abgase und Lärm verursacht, zur Erderwärmung beiträgt und öffentlichen Raum beansprucht.

Wie können wir ihn den Menschen zurückgeben? Wie lässt sich der Lieferverkehr neu organisieren? Was bringt eine Automatisierung des Verkehrs? Und welche Rolle spielen dabei Schiene, Rufbusse und Fahrräder?

In dieser Artikelreihe beschäftigt sich Fritz Vorholz mit sechs Vorschlägen für eine nachhaltige Verkehrswende.

2003 führte das staugeplagte London als erste große, westliche Metropole eine City-Maut ein. 20 Jahre später steht London dennoch an der Spitze des globalen Stau-Rankings des Forschungsinstituts Inrix. Wie das? Neben den rund 15.000 klassischen London-Taxis überfluten zwar mittlerweile mehr als 80.000 Autos privater Chauffeurdienste wie Uber die Straßen. Der entscheidende Staufaktor ist aber ein anderer: Lieferdienste.

alle 1,5 Minuten

kommt durchschnittlich an jeder Straßenstelle Londons ein Lieferfahrzeug vorbei. Bei einem Straßennetz von fast 15.000 Kilometern Länge entspricht dies 4,8 Mrd. Kilometern, die Lieferfahrzeuge pro Jahr in London zurücklegen.

Und das nicht nur in London. Schätzungen zufolge nimmt die Zahl der Lieferfahrzeuge in den 100 größten Städten weltweit bis 2030 um 36 Prozent zu. Im Zentrum möglicher Gegenmaßnahmen steht der Gedanke, Liefervorgänge zu bündeln. Dies kann in Cityterminals geschehen, also größeren Umschlagflächen, möglichst mit Gleisanschluss.

Notwendig sind aber auch Mikrodepots, kleine Umschlagflächen zum Beispiel in leerstehenden Ladenlokalen, in denen Waren für den Weitertransport auf der letzten Meile gesammelt werden. Mit Lastenfahrrädern lässt sich der finale Bestimmungsort dann umwelt- und platzschonend erreichen.

Womöglich werden in Zukunft für den Transport auf der letzten Meile auch Drohnen eingesetzt. Der Vorteil: Sie müssen nicht mit landgebundenen Hindernissen kämpfen – und ein schnellerer Zustellprozesse verspricht Kosteneinsparungen. Schätzungen zufolge sind rund 80 Prozent aller inländischen Paketsendungen theoretisch für den Lufttransport mit Drohnen geeignet.

rosafarbener, etwa kniehoher Kasten auf schwarzen Rädern auf einem Gehweg, Aufschrift Your Local Courier, oben auf dem Kasten eine schwarze ca. 60cm hohe Antennenstange mit gelber Blinkleuchte am Ende.
Eine weitere Variante, den letzten Meter bis zum Zustellort zurückzulegen: Per autonom fahrendem Roboterwagen, hier in der Innenstadt von Miami, 2023. Foto: Phillip Pessar, flickr, CC BY 2.0

Aber auch auf dem Land gibt es in Sachen Lieferverkehr noch Luft nach oben – mitunter im wahrsten Sinne des Wortes. Denn je weiter man ins Hinterland kommt, desto holpriger gerät der Warentransport. Ob deutsche Hallig, italienisches Bergdorf oder Steppenoase in der argentinischen Pampa – dort wird jede Zustellung zum Zuschussgeschäft.

Um Mensch und Ware trotzdem zuverlässig zueinanderkommen zu lassen, wäre der Lufttransport per Drohne eine Möglichkeit. Im südostafrikanischen Malawi, dessen Feldwegenetz durch Überschwemmungen regelmäßig unpassierbar ist, fliegen die unbemannten Multicopter seit einigen Jahren mit wertvollen Gütern an Bord: Antibiotika, Schmerzmittel, Infusionen, Laborproben – Dinge, die auf dem Landweg nicht schnell genug ihren Empfänger finden würden. Gemeinsam mit Unicef und dem Luftfahrtunternehmen Wingcopter setzt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) das Projekt um. Die mit medizinischen Gütern beladenen Drohnen haben bisher rund 2.100 Lieferflüge absolviert und mehr als eine Viertelmillion Menschen in der Region Kasungu erreicht.

Lufttaxis statt Propellermaschinen?

Getrieben durch die hohen Kosten in der Landbelieferung, beschäftigen sich Versender rund um den Globus mit der Möglichkeit, Drohnen in ihre Lieferketten einzubinden. Doch die Hürden sind hoch. „Es ist eigentlich gar nicht so schwer, ein Paket per Drohne auszuliefern“, erklärte der ehemalige Boeing-Manager David Carbon auf einer Amazon-Veranstaltung im November 2022. „Es ist ein ganz anderes Problemfeld, ein autonomes, sicherheitskritisches System zu entwickeln, zu bauen, zu zertifizieren und zu betreiben, das über dicht besiedelten Gebieten im nationalen Luftraum operieren kann.“

Lieferdrohne von Wingcopter, die bereits an einigen Orten der Welt zum Einsatz kommt. Neben Flügen zur medizinischen Versorgung schwer zugänglicher Gebiete, wie beispielsweise in Malawi oder auf der Insel Vanuatu, wird sie auch zu wissenschaftlichen Beobachtungsflügen von Walen in den arktischen Gewässern Norwegens oder Vulkanen, wie etwa dem Etna in Italien, eingesetzt. Fotos: wingcopter.com

Luftfahrttaxi der Firma Lilium, das sich noch in der Entwicklungsphase befindet. Fotos: lilium.com

Und das betrifft natürlich nicht nur unbemannte Flugobjekte. Gerade in dünn besiedelten Flächenländern wie beispielsweise Australien, Kanada, den USA, Chile oder Norwegen, in denen viele Siedlungen heute hauptsächlich durch Flüge mit Propellermaschinen mit dem Rest der Welt verbunden sind, gibt es Überlegungen, elektrisch angetriebene Lufttaxis als fliegenden Zubringerdienst einzusetzen. So können entlegene Regionen, die trotz ihrer Abgeschiedenheit wirtschaftlich, kulturell oder aus strategischer Sicht von Bedeutung sind, mit geringerem Aufwand als zurzeit am Leben gehalten werden.

Die neuseeländische Regierung hat untersuchen lassen, ob sich mit autonomen Drohnen-Taxis eines Tages abgelegene Siedlungen kosteneffizient mit dem nächsten Flugplatz verbinden ließen. Ergebnis: Könnte sich lohnen, eines Tages.

Der Text erschien zuerst in „tomorrow“, dem Technologiemagazin von Schaeffler Technologies AG & Co. KG, und wurde für bachrauf.org aktualisiert/modifiziert.

Dr. Fritz Vorholz –
studierte in Köln Volkswirtschaft und Soziologie. Nach dem Studium arbeitete er für den Sachverständigenrat für Umweltfragen und von 1988 bis 2015 als Redakteur für die „Zeit“. Von 2016 bis Anfang 2020 leitete er die Strategische Kommunikation von Agora Verkehrswende. Seit Frühjahr 2020 arbeitet er wieder als Journalist, freiberuflich.