Aktivisten der NGO RiverWatch | Foto: Horst Hamm

29. Dezember 2022
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Es ist eine Landschaft wie gemalt: Bei Tepelena im Süden Albaniens weitet sich die enge Schlucht der Vjosa zu einem breiten Tal. Der Fluss mäandert an kleinen und großen Kies- und Sandbänken vorbei, die er bei jedem Hochwasser umgestaltet. Auf den Auwaldflächen wachsen Weiden. Schafe, Ziegen und ein paar Kühe grasen im Flusstal, an höher gelegenen Stellen gedeihen Reben, Mais, Tomaten und Feigen.

Es ist jedoch nicht nur die Schönheit der Landschaft, die ihresgleichen sucht. „Die Vielfalt in diesem Flussabschnitt ist nahezu unbeschreiblich“, schwärmt Ulrich Eichelmann, der Geschäftsführer der österreichischen Naturschutzorganisation RiverWatch. Und seine Kollegin Cornelia Wieser versucht das Unbeschreibliche in Worte zu fassen. „Da liegt an der einen Stelle ein großer Stapel angeschwemmtes Totholz, auf dem sich verschiedene Spinnen- und Käferarten angesiedelt haben. Unter dem Holz gibt es Geröllablagerungen mit großen Kieselsteinen und keine zwei Meter weiter ganz feinen Sand, der wieder von ganz anderen Arten geschätzt wird.“

Die Landschaft der Vjosa bietet einer Vielfalt von Pflanzen, Insekten und Kleinlebewesen beste Bedingungen. Auch die Jahrhunderte alte Brücke über die Shushica in der Nähe des Dorfes Brataj wäre im Stausee verschwunden, wären die Staudammpläne Wirklichkeit geworden. Fotos: Horst Hamm

Die Vjosa hat an dieser Stelle auf engstem Raum ein feingliedriges Mosaik mit unterschiedlichsten Lebensräumen entstehen lassen. Forscher der Universität für Bodenkultur Wien haben diese Vielfalt untersucht und bereits nach wenigen Tagen zwei vollkommen neue Tierarten entdeckt, eine Spinnenart und eine Steinfliege, und 40 Arten, von denen bislang nicht bekannt war, dass sie in Albanien überhaupt vorkommen. Und weil es entlang des Flusses eine Vielzahl an Insekten und Kleinlebewesen gibt, ist auch die Vogelwelt intakt: Rauch-, Mehl- und Rötelschwalben gehören praktisch zum Inventar der Vjosa, Wasseramseln jagen direkt über dem Fluss. Und fast schon selbstverständlich sind in den Morgenstunden Nachtigallen mit ihren gewaltigen Stimmen zu hören.

Staudämme für die EU-Klimabedingungen

Alles gut also in Sachen Natur im Süden Albaniens? Weit gefehlt! Nur wenige Kilometer von Tepelena entfernt sollte bei Kalivaç, einem kleinen Dorf, bei dem sich das Tal wieder verengt, ein 445 Meter langer und rund 45 Meter hoher Staudamm gebaut werden. Ein Stausee mit einer Fläche von 2000 Hektar würde die gesamte Flusslandschaft bei Tepelena verschwinden lassen – samt Häusern, Feldern und Obstbaumkulturen.

Die Pläne dazu waren nicht neu. Bereits zu Beginn des Jahrtausends hatte der italienische Investor Francesco Becchetti mit seiner Firma BEG den Zuschlag für das Projekt und einen Kredit von rund 120 Millionen Euro von der Deutschen Bank bekommen. Sein Plan: ein Wasserkraftwerk mit einer Leistung von 90 Megawatt. Die prognostizierten 400 Gigawattstunden Strom pro Jahr sollten über ein Unterwasserkabel durch die Adria nach Italien geleitet werden und dazu beitragen, dass Italien seinen Klimaverpflichtungen nachkommt.

Im Jahr 2008 begann die Baufirma dann damit, Felsen zu sprengen, die Hänge links und rechts der Vjosa terrassenförmig für den Dammbau vorzubereiten und einen Durchfluss des Wassers während der Bauphase anzulegen. Aber 2010 wurden alle Aktivitäten wieder eingestellt. Noch heute rosten zurückgelassene Planierraupen und Lastwagen an der verlassenen Baustelle vor sich hin. Ein Bagger versinkt jedes Jahr ein paar Zentimeter mehr im Kiesbett, wenn man so will als Symbol des Scheiterns.

Die Firma BEG meldete Konkurs an, der Kredit der Deutschen Bank war im wörtlichen Sinne versenkt worden. Fragt man vor Ort, wo das Geld von damals geblieben ist, zucken alle mit den Schultern und nehmen sofort das Wort „Korruption“ in den Mund. „Das Geld ist ja nicht alles verbaut worden“, sagt Flussschützer Eichelmann, „da haben sich sicher einige bereichert. Der Bau von Wasserkraftwerken bietet viel Raum für Korruption, und je größer das Projekt, desto mehr Geld kann verschwinden.“

Die Bank hatte die Mittel jedenfalls abgeschrieben. Dennoch blieb der Kalivaç-Staudamm bis vor kurzem noch immer eine sehr reale Bedrohung. Das albanische Energieministerium hatte die Konzession für den Dammbau wieder neu ausgeschrieben und sie 2018 an die türkische Energiefirma Ayen Enerji vergeben.

Nach albanischem (und nach EU-) Recht müssen die beauftragten Unternehmen für solche Bauvorhaben zunächst eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) vorlegen und die Bürger der Region in die Planung des Projekts einbeziehen. Als das Ergebnis dieser Prüfung dann bekannt wurde, war allen Beteiligten klar, dass da etwas nicht stimmen konnte.

„Der Bau von Wasserkraftwerken bietet viel Raum für Korruption, und je größer das Projekt, desto mehr Geld kann verschwinden.“

„Die UVP war zu großen Teilen gefälscht“, kritisiert Olsi Nika, der Geschäftsführer der albanischen Naturschutzorganisation EcoAlbania, und legt Unterlagen vor: 60 Prozent des Gutachtens waren im „Copy-and-Paste-Verfahren“ zustande gekommen. „Da standen Ortsnamen drin, die gibt es in der Region überhaupt nicht.“ Trotzdem haben die albanischen Behörden die Prüfung akzeptiert. Auch hier spricht jeder von Korruption, den man danach fragt.

Eindrücke aus Temska, einem kleinen Dorf im Südosten Serbiens nahe der bulgarischen Grenze. Bei einer öffentlichen Versammlung sprachen sich die Einwohner eindeutig gegen ein Staudammprojekt aus, das am gleichnamigen Fluss Temska errichtet werden sollte. Fotos: Horst Hamm

Auch die angebliche Bürgerbeteiligung stellte sich als vorgetäuscht heraus. „Das Bauunternehmen Ayen Enerji hat eine Unterschriftenliste mit Menschen eingereicht, die anderthalb Autostunden von der Vjosa-Region entfernt wohnen“, betont Olsi Nika. „Alle, die dort unterschrieben haben, waren Angestellte der Stadtverwaltung.

Das ließ sich leicht nachweisen, und deshalb konnten wir den Dammbau auch erst einmal stoppen.“ Die Grundlagen für die Baugenehmigung, vor allem die Umweltverträglichkeitsprüfung und die Bürgerbeteiligung, seien äußerst mangelhaft und widersprächen albanischen Rechts, urteilten die Richter.

Die Idee des Wildfluss-Nationalparks

„Was diesen Fluss und seine Auenlandschaft so wertvoll macht, ist seine ungeheure Dimension“, sagt Eichelmann. „Die Vjosa mit ihren vielen ebenfalls intakten Zuflüssen ist die größte noch weitgehend unverbaute Wildfluss-Landschaft Europas außerhalb Russlands. Diese Einmaligkeit kann man nicht hoch genug bewerten.“ Beispielsweise der vom Aussterben bedrohte Europäische Aal: er wandert von der Adria die gesamten 270 Kilometer flussaufwärts zu seinen Laichplätzen in Griechenland. „Sollte auch nur ein Wasserkraftwerk gebaut werden, wäre all das mit einem Schlag zu Ende“, so Eichelmann.

Schon 2014 entwickelten lokale Bürgermeister und Flussanrainer einen ganz anderen Plan: Die Vjosa sollte mitsamt ihrer Auenlandschaft und den noch unverbauten Nebenflüssen Shushica und Khardighid zu einem Nationalpark gemacht werden. „Allein 35.000 Hektar beträgt die Fläche der Flussbetten samt ihrer Auen“, erklärt Cornelia Wieser. „Das ist der Minimalraum eines Nationalparks. Nimmt man dann noch die benachbarten Berghänge, Wälder und Almen dazu, könnte das Schutzgebiet auf 110.000 Hektar anwachsen – zum Wohle der Artenvielfalt und der dort lebenden Menschen.“ Angepasster Tourismus und Bio-Landwirtschaft könnten die Eckpfeiler der Regionalentwicklung sein.

„Ein Wildfluss-Nationalpark hat Signalwirkung bis über die Grenzen Albaniens hinaus.“

Doch jetzt scheint Wirklichkeit zu werden, wovon viele bisher nur träumten: Nach zehn Jahren intensiver Bemühungen von Anrainergemeinden, Umweltschützern, Wissenschaftlerinnen sowie Kunstschaffenden erklärte die Regierung Albaniens im Juni 2022, an der Vjosa einen Wildfluss-Nationalpark errichten zu wollen. Demnach wird das gesamte Flusssystem der Vjosa von der Grenze zu Griechenland bis an die Adria unter Schutz gestellt, einschließlich ihrer frei fließenden Nebenflüsse.

Ein derartiger Wildfluss-Nationalpark hat Signalwirkung bis über die Grenzen Albaniens hinaus. Denn überall auf dem Balkan sind eine Vielzahl weiterer Staudämme und Wasserkraftwerksprojekte geplant: allein in Albanien sind es Stand 2022 insgesamt 403. „Wenn es uns gelingt, den Vjosa-Wildfluss-Nationalpark einzurichten und den Menschen zu zeigen, dass eine intakte Flusslandschaft dazu beiträgt, ihren Lebensunterhalt zu sichern, dann würden andere Regionen mit großer Wahrscheinlichkeit nachziehen“, vermutet Gabriel Schwaderer, der Geschäftsführer von Euronatur, einer am Bodensee ansässigen Naturstiftung.

Bestehende (schwarze Kreise), im Bau befindliche (gelbe) und geplante Wasserkraftprojekte (rote) an Balkanflüssen, Stand 2022. Karte: balkanrivers.net

Wie aber kam es dazu, dass die albanische Regierung nach Jahren des Zögerns und Blockierens den Flussnationalpark Vjosa verwirklichen will? Waren es die anhaltenden Proteste der Fluss- und Naturschützer und der Menschen vor Ort, die dazu geführt haben? War es die Europäische Union, der Albanien seit 2009 gerne beitreten möchte?

Bereits 2021 hat das EU-Parlament die albanische Regierung nachdrücklich auffordert, „die Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zu minimieren, indem sie die Entwicklung von Wasserkraftwerken in geschützten Gebieten, insbesondere in Gebieten in der Nähe der Flüsse Valbona und Vjosa, stoppt, und entsprechend ihren Ankündigungen so bald wie möglich den Nationalpark Vjosa einzurichten.“

„Was genau der Beweggrund war, weiß ich natürlich nicht“, sagt Gabriel Schwaderer. „Ich vermute aber, dass die albanische Regierung tatsächlich verstanden hat, welches Potenzial ein Fluss-Nationalpark hat.“ Die gesamte Tourismus-Branche würde davon enorm profitieren. Besucher aus ganz Europa können nicht nur die Vogelwelt entlang der Vjosa bestaunen, sondern im Wildfluss auch baden, raften oder Kajak fahren. An der Mittelmeerküste im Süden des Landes will Albanien ohnehin so etwas wie ein zweites Mallorca schaffen. „Ganz abgesehen davon erlangt das gesamte Land mit diesem Fluss-Nationalpark großes internationales Ansehen“, so der Euronatur-Geschäftsführer.

Albanien könnte Wind- und Sonnenstrom zu den gleichen Kosten erzeugen wie mit Wasserkraft

Aber woher dann der Strom, wenn nicht durch Wasserkraft? Albanien erzeugt seinen Strom bislang zu 90 Prozent mit Wasserkraft. Den restlichen Strom importiert das Land aus Serbien. Weil es seit seiner Öffnung im Jahr 1991 einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, braucht es allerdings immer mehr Strom. Laut einer von RiverWatch und Euronatur 2018 beauftragten Studie könnte Albanien im Jahr 15,6 Terawattstunden Wind- und Sonnenstrom zu den gleichen Kosten erzeugen wie derzeit mit Wasserkraft – das ist mehr als doppelt so viel Strom wie heute gebraucht wird.

Die Adria-Mündung der Vjosa, einige Kilometer nördlich der Narta-Lagune. Foto: Piotr Bednarek, wikimediacommons, CC BY-SA 4.0

Warum also die Fixierung auf Wasserkraft? „Ein Wasserkraftwerk ist eine sehr komplexe Anlage“, erklärt Eichelmann. Da müssen Straßen gebaut und Rohre verlegt werden, oftmals sind Tunnels notwendig, weil Pipelines meist durch Berge führen. Das Wasser muss während der Bauphase abgeleitet werden, es gibt den Damm und dann das eigentliche Kraftwerk mit seinen Turbinen. „Da lassen sich leicht sehr viel höhere Preise ansetzen als für den tatsächlichen Bau gebraucht werden.

Die Differenz fließt dann an die Kraftwerksbauer und leider auch oft an die Politiker, die die Genehmigung erteilen.“ In anderen Teilen Albaniens wurden Wasserkraftwerke schon an Flüssen gebaut, die zehn Monate im Jahr praktisch kein Wasser führen. Windräder oder Solarparks sind dagegen vergleichsweise überschaubare Investments mit sehr simplen Einrichtungen. Da haben die Beteiligten wenig Spielraum, Gelder zu verstecken.

Trotz des Vjosa-Erfolgs ist für die Umweltschützer noch viel zu tun. Mit der Kampagne „Save the Blue Heart of Europe“ engagieren sich RiverWatch und Euronatur nicht nur für den Vjosa-Nationalpark in Albanien. Sie wollen damit auch die 3281 (siehe Grafik oben) zumeist kleinen Wasserkraftwerke zwischen Slowenien und Griechenland verhindern, um auf dem Balkan möglichst viele der noch intakten Flusslandschaften zu retten.

Dieser Artikel ist die aktualisierte Fassung eines Textes, der ursprünglich im Oktober 2019 in der Zeitschrift „natur“ erschien.

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Horst Hamm –
schreibt seit 30 Jahren über Umweltthemen und war bei der Zeitschrift „natur“ 18 Jahre Redakteur und stellv. Chefredakteur. Heute gehört er zu den Initiatoren und Machern des MehrWERT-Magazins.