17. September 2021

Plantage? „Da geht’s ja schon beim Begriff los!“ Georg Stöckl (Foto oben) schüttelt den Kopf. Nein, natürlich ist das hier keine Plantage. Sondern? „Eine Streuobstwiese.“ Der Biobauer führt über die 1,7 Hektar große Wiese in der Gemeinde Rohr in Niederbayern. Das Gras steht 20 Zentimeter hoch, hier wachsen Blumen, Löwenzahn, Pilze, Brennnesseln, Walderdbeeren. Nur ein schmaler Streifen entlang der Baumreihen ist gemulcht.

Auf einer Plantage sähe es komplett anders aus, erklärt Stöckl. Während auf seiner Wiese rund 100 Bäume pro Hektar stehen, der Abstand zwischen ihnen also etwa zehn Meter beträgt, finden auf einer Plantage zehn bis dreißigmal so viele Platz. Das ist allerdings dann nichts mehr, was noch den Namen Baum verdienen würde. Spindeln nennt man sie; klein, aber ertragreich. Die Energie stecken sie in die Frucht statt ins eigene Wachstum.

Auf dem Weg macht einen Georg Stöckl mit Jakob Fischer bekannt. Nein, das ist kein Mitarbeiter. Jakob Fischer ist eine Apfelsorte. Benannt nach dem oberschwäbischen Bauern, der sie vor über 100 Jahren entdeckt hat. Der Baum wächst sehr stark, man erkennt ihn an seinen stark hängenden Trieben, erklärt Stöckl. Die Frucht ist groß, schon Ende August reif und schmeckt süß-säuerlich. Stöckl verarbeitet sie zu Saft, verkauft sie aber auch als Tafelobst.

„Schon ziemlich genial“

Elster, Gala? Die Klassiker aus dem Supermarkt, ja, auch aus dem Bioladen, sucht man vergeblich auf Stöckls Wiesen. Boskop ist eine der wenigen gängigen Sorten, die es auch hier gibt. Stattdessen: Roter Berlepsch, Kaiser Wilhelm, Hauxapfel. 70 bis 80 verschiedene Sorten. Insgesamt hat der Landwirt etwa 17 Hektar Obstwiesen. Landwirtschaft betreibt die Familie Stöckl schon seit Generationen im Nebenberuf. Auch der 65-Jährige war bis zu seiner Pensionierung vor einem Jahr hauptberuflich als Ökolandbauberater für den Freistaat Bayern im Einsatz.

„Für uns war von vornherein klar, dass wir gar nicht spritzen wollen“, sagt Stöckl. Und zwar gar nicht im Sinne von: überhaupt gar nicht. Also auch kein Schwefel oder Kupfer – Stoffe, die üblicherweise im Ökolandbau anstelle der Chemiekeule zum Einsatz kommen.

Auch Karl Bär ist begeistert. Er hat sich auf seine Jacke in der Wiese unter einen der Bäume gesetzt und freut sich. „Was die hier machen, ist schon ziemlich genial“, sagt Bär. „Das ist eine Obstwiese wie aus dem Kinderbuch.“ Wie man sie sich vorstellt, halt. Nur: Oft ist eben in der Landwirtschaft gerade das, was so klassisch, so normal aussieht, in Wahrheit die Ausnahme. Das ist ja mit der Kuh auf der Weide nicht anders oder mit der Sau, die sich im Schlamm suhlt.

„Es gibt Gifte, die man fast nicht mehr aus der Natur rauskriegt“: Agrarwissenschaftler Bär auf der Obstwiese der Stöckls. Foto: Dominik Baur

Karl Bär ist Agrarwissenschaftler und arbeitet beim Umweltinstitut in München. Seit langem schon hat er es sich zur Aufgabe gemacht, auf die Gefahr von Pestiziden hinzuweisen. Größere Bekanntheit hat er nicht zuletzt dadurch erlangt, dass er nach einer Plakat-Kampagne mit dem Titel „Pestizidtirol“, in der er auf den besonders hohen Pestizideinsatz beim Apfelanbau in Südtirol hinwies, dort wegen übler Nachrede vor Gericht gestellt wurde.

Zu den Stöckls nach Niederbayern ist er heute gekommen, um einen Imagefilm für das Umweltinstitut zu drehen. „Wir wollen hier zeigen, dass es auch anders gehen kann“, sagt Bär. Obstbau mit Hochstammbäumen und ganz ohne Pestizide meint er damit. „Im Obst- und Weinanbau wird ja selbst im Biobereich viel gespritzt – mit Schwefel und Kupfer und ein paar Insektiziden auf natürlicher Basis. Vor allem Kupfer ist ein Problem, weil wir damit Schwermetall in den Boden bringen und so das Bodenleben kaputtmachen.“

Natürliche Schädlingsbekämpfung: Marienkäfer-Larven machen sich über einen Haufen Blattläuse her. Foto: Jürgen Mangelsdorf, CC BY-NC-ND 2.0, Flickr

Bär zeigt auf den Baum über ihm: „Hier sehe ich zum Beispiel Flechten.“ Nicht dass Flechten eine besondere Auswirkung auf den Baum hätten. Aber sie sind ein Zeichen: Denn wo gespritzt wird, hätten sie keine Überlebens-chance. Trotzdem müsse sich der Obstbauer wegen Schädlingen keine zu großen Sorgen machen. „Mit Blattläusen hat er kein Problem, weil er die natürlichen Gegenspieler da hat“, sagt Bär, „hier sind Marienkäfer, Marienkäfer-Larven, Florfliegen, Schlupfwespen und so weiter. Man merkt ja, hier fliegt dauernd was rum.“

Nur der Apfelwickler, den hat der Bauer nicht ganz losbekommen. Aber wenn die Raupen dieses Schmetterlings einen Teil der Früchte befallen, dann freuen sich die Gänse über das Fallobst. Denn von Juni bis Weihnachten hält Stöckl 200 Weidegänse auf der Wiese. So wird aus dem Schaden wieder ein Nutzen – und ein Weihnachtsbraten.

Ein Leben, eine Landwirtschaft ohne Pestizide – es scheint möglich, und es ist auch das Ziel des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, mit dem Bär zusammenarbeitet. Im Februar 2018 hat es sich auf der Messe Biofach der Öffentlichkeit vorgestellt und sich der fünf Jahre zuvor von der Bürgerinitiative Landwende ins Leben gerufenen Kampagne „Ackergifte? Nein danke!“ angeschlossen.

Enkeltauglich? Ein Blick in die Zeitungsarchive zeigt, dass die Vokabel noch jung ist, sich erst seit wenigen Jah-ren breitmacht. Eine enkeltaugliche Zukunft, das hatten beispielsweise auch die Initiatorinnen und Initiatoren des bayerischen Bienen-Volksbegehrens gefordert. Auf den „Wir haben es satt“-Demos wird stets eine enkeltaugliche Agrarpolitik gefordert, und selbst Angela Merkel mahnte bereits enkeltaugliche Entscheidungen in der Politik an.

Mit dem Begriff „enkeltauglich“ rücken die, die ihn im Munde führen, bewusst von dem der Nachhaltigkeit ab. Johannes Heimrath etwa, einer der Gründer des Bündnisses, begründete dies in einem „taz“-Interview mit einem Schlüsselerlebnis: „Der Begriff ,Nachhaltigkeit‘ wurde für mich ruiniert, als Josef Ackermann von einem ,nachhaltigen Erfolg‘ der Deutschen Bank sprach.“

Überall Glyphosat

Das Bündnis setzt seither die Forschung der Bürgerinitiative Landwende zu Pestiziden fort. Deren „Urinale“ hatte schon 2015/16 für Aufsehen gesorgt. Die Aktion war originell, das Ergebnis erschreckend: 2009 Freiwillige ließen dafür ihren Urin testen. In 2001 der Proben konnte Glyphosat nachgewiesen werden, zum Teil mit Werten, die 40-mal so hoch waren wie der für Trinkwasser zulässige Höchstwert.

Auch Verbraucherinnen, die sich ausschließlich oder überwiegend von Bioprodukten ernährten, hatten Glyphosat im Urin. Ein starkes Indiz dafür, dass das Totalherbizid nicht dort blieb, wo es ausgebracht wurde, sondern sich über den Luftweg ausbreitete.

Im Herbst 2020 legte das Bündnis nach und veröffentlichte gemeinsam mit dem Umweltinstitut die Studie „Pestizid-Belastung der Luft“. An 163 über ganz Deutschland verstreuten Standorten hatten sie Luftmessungen ange-stellt und dabei 138 Pestizid-Wirkstoffe gefunden. Viele davon weit weg von möglichen Ausbringungsorten. Glyphosat konnte man an jedem der Standorte nachweisen – ohne Ausnahme. „Das hat mich dann doch überrascht“, sagt Karl Bär, der maßgeblich an der Studie mitgewirkt hat. „Ich hätte schon gedacht, dass es zumindest ein paar Standorte gibt, an denen wir kein Glyphosat finden. Aber ob im Nationalpark Bayerischer Wald, auf dem Brocken, im Harz oben auf dem Berg – es war überall.“

Der ehemalige Basic-Vorstand und heutige Chef der Biomarke Morgenland, Stephan Paulke, war eine treibende Kraft beim Zustandekommen des Bündnisses für enkeltaugliche Landwirtschaft. Um die Forschung zu finanzieren, rief er in der Biobranche um Hilfe. „Bei einem Treffen erklärten sich dann Unternehmen aus der Branche bereit, jeweils 15.000 Euro auf den Tisch zu legen. Daraus ist das Bündnis entstanden.“ Heute hat es 45 Mitglieder, Firmen mit insgesamt 10.000 Mitarbeitern und sechs Milliarden Umsatz. Ein beachtlicher Erfolg, aber trotzdem findet Paulke: „Das wäre ja eigentlich die Aufgabe des Staates gewesen. Solche Studien müssten doch vor der Zulassung von Pestiziden gemacht werden.“

„Von Bauernbashing halten wir überhaupt nichts“

Heikel sind die wandernden Ackergifte nämlich auch für Biounternehmen. Das Bündnis spricht gar von einer Existenzbedrohung. Wenn etwa ein Biobetrieb seine Ernte nicht oder nur noch als konventionelle Ware verkaufen kann, weil sie mit dem Pestizid des Nachbarn belastet ist, geht es schnell um sehr viel Geld. Noch gibt es bei Bioprodukten in der Regel kaum Rückstände. Aber bei manchen Erzeugnissen wie etwa Kräutern, werden doch immer wieder Grenzwerte überschritten. In Nordrhein-Westfalen, erzählt Karl Bär, klage nun ein Biobauer gegen seine Nachbarn, weil er sein Gemüse nicht mehr als Bio verkaufen konnte. „Der geht jetzt durch die Instanzen, um Schadenersatz für seine Verluste zu bekommen.“ Nur: Wie will man bei einem Pestizid, das offenbar einige Kilometer Luftstrecke zurücklegen kann, nachweisen, woher es kommt?

Und Bär sieht ein noch größeres Problem: die Dauerbelastung der Natur. „Pestizide sind ja dazu gemacht, Schaden anzurichten. Die sollen töten – Unkraut töten, Insekten vernichten, Pilze hemmen. Wenn ich solche Stoffe dauerhaft in der Umwelt habe, dann richtet das Schaden an.“ Dazu kommt noch die Gesundheitsbelastung; schließlich erhöht etwa Glyphosat die Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung. Doch wie groß die Belastung tatsächlich ist, lässt sich kaum taxieren. Weder weiß man, welchen Pestizid-Dosen die Menschen tatsächlich ausgesetzt sind, noch, wie mögliche Gift-Cocktails wirken – also das Zusammenspiel der Ackergifte untereinander oder in Kombination mit anderen Schadstoffen beispielsweise aus dem Straßenverkehr.

Statt Apfelplantagen Streuobstwiesen. Artenvielfalt garantiert. Foto: Dominik Baur

Was Bär zudem sehr alarmierend fand: „Wir haben auch Stoffe nachgewiesen, die seit mindestens 30 Jahren nicht mehr im Einsatz sind. Das heißt, es gibt Gifte, die man fast nicht mehr aus der Natur rauskriegt. Und die sich dann auch in der Nahrungskette ansammeln können.“

Und doch, da sind sich Bär und Paulke einig: Krieg gegen die Konventionellen kann nicht die Lösung sein. „Von Bauernbashing halten wir überhaupt nichts“, sagt Paulke. „Unsere Aufgabe ist es, diesen Prozess voranzubringen. Aber im gegenseitigen Respekt und miteinander.“ Und Bär erzählt von einer europäischen Bürgerinitiative, die das Umweltinstitut gegründet habe. „Die haben wir ,Bienen und Bauern retten‘ genannt.“ Bauern bräuchten ja Pla-nungssicherheit. Wie sollten sie denn wirtschaften und investieren, wenn sich dauernd die Regeln änderten. Des-halb fordert die Initiative ein Verbot aller Pestizide – aber eben über einen Zeitraum von 15 Jahren. „Damit die Landwirte auch Zeit und Möglichkeit haben umzustellen.“

Aber ist die Vermeidung von Pestiziden alles, was nötig ist, um die Landwirtschaft enkeltauglich zu machen? Natürlich nicht. Aber, sagt Karl Bär, „das Thema ist besonders wichtig, weil ich eine bestimmte Form von Landwirt-schaft ohne diese ganzen Gifte gar nicht betreiben kann. Wenn ich die Pestizide aus der industriellen Landwirtschaft herausnehmen würde, dann könnte die nicht so arbeiten, wie sie jetzt arbeitet.“

Fadenwürmer gegen Schädlinge

Man müsste sie völlig umstellen. Und dafür brauche es auch Geld von staatlicher Seite. „Aber ich sag mal: Die EU-Agrarpolitik scheitert nicht am Geld.“

Und dann fällt ihm noch ein Beispiel ein – dafür, wie sich doch immer wieder neue Lösungen fänden: „Ich kenn’ einen Mann in Schleswig-Holstein, der verkauft Fadenwürmer. Das hat er sich als neues Geschäftsfeld erschlossen, als einige Neonicotinoide verboten wurden.“ Früher hätten konventionelle Bauern das Saatgut mit Neonics gebeizt, um es vor Schädlingen zu schützen. Doch Fadenwürmer tun es auch. Setzt man sie im Acker aus, greifen sie die Larven dieser Insekten schon im Boden an. „Das ist eine viel bessere, eine ökologische Methode.“

In der Nähe der Obstwiese von Georg Stöckl macht indes ein Kuckuck lautstark auf sich aufmerksam. Er ruft und ruft und ruft. Als wollte er auf die fortgeschrittene Stunde hinweisen.

Sicher, auf dem Weg zu einer pestizidfreien Landwirtschaft stehen Karl Bär, Stephan Paulke und Georg Stöckl noch am Anfang. Und der Nachbar, der den Raps auf dem Nachbarfeld angebaut hat, werde bestimmt in den nächsten Tagen mal mit einem Insektizid kommen, vermutet Stöckl. „Ich hoff’, dass dann kein Westwind geht.“

Dieser Artikel ist zunächst im September 2021 im Magazin „Mehrwert“ erschienen.

Dominik Baur –
ist Bayern-Korrespondent der „taz“, schreibt aber als freier Journalist auch gern über Themen aus Umwelt und Gesellschaft. Mehr auf gschichten.de.


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