17. April 2021

Irgendwann vor inzwischen vier Jahren, sagt Doro Heckelsmüller, habe es ihr einfach gereicht. Das Insektensterben, die Regenwaldrodungen – sie konnte all das nicht mehr hören. „Es ist doch ein Witz, schon in den 90er Jahren haben wir Joghurt-Becher gesammelt, nichts hat sich geändert.“ Sie färbte weißen Stoff, den sie daheim hatte, sie nähte aus dem Stoff lange, schmale Fahnen, sie applizierte auf eine Fahne das Wort „weltbewusst“, auf die andere schrieb sie mit Stoff „hier und jetzt“ und stellte sich damit, ein gutes halbes Jahr vor Greta, sechs Samstage hintereinander auf den Marktplatz in Landsberg am Lech, wo sie wohnt. Hervorgegangen ist aus ihrem leisen Protest letztlich eine Regionalgruppe der Gemeinwohl-Ökonomie, zum einen. Zum anderen gründete dann Doro Heckelsmüller selbst kurz drauf die Initiative „Singing Planet“, die eintritt für eine sozial und ökologisch gerechtere Welt und die ihre Ziele erreichen will auf künstlerischem Weg. Vor allem übers Singen.

Denn Doro Heckelsmüller ist Musiktherapeutin und Musikerin – und nicht nur musikalisch, sondern auch von ihrem Denken her in der Welt zuhause. Schon als Fünfjährige hatte sie der Oma erklärt, mal die ganze Welt bereisen zu wollen, und als sie dann ihr Abi hatte, brach sie auf zur ersten großen Reise, nach Indien und Nepal. Dann machte sie in Holland die Ausbildung zur Musiktherapeutin, lernte, Harfe zu spielen – und machte sich, diesmal mit einer selbstgebauten Hakenharfe im Gepäck, erneut auf. War wieder ein Jahr unterwegs. Sie spielte Harfe auf der Chinesischen Mauer, in der Transsibirischen Eisenbahn und im Hardrockcafé in Singapur, sie verdiente mit Straßenmusik in Philadelphia ein wenig Geld und machte mit alten Männern in China Karawanenmusik.

Liebend gern zeigt einem Doro Heckelsmüller Fotos von dieser aufregenden Zeit, sie zeigt einem die Instrumente, die sie in Indonesien, Mexiko, Afrika und in der Mongolei erworben hat und auf gar nicht so leichte Art nach Bayern transportierte, sie sagt, sie habe versucht, so wenig wie möglich zu fliegen. Von Peking kehrte sie auf dem Landweg zurück nach Kaufbeuren, wo sie aufgewachsen ist. Für 250 Mark übrigens. Auf einem der Fotos ist sie beim Frühstück zu sehen in irgendeinem Regenwald, sie erzählt, die Affen hätten frecherweise auch mit zugegriffen, sie sagt: „Ich weiß überhaupt nicht, ob es diesen Regenwald noch gibt.“

Mit der Harfe in der Transsibirischen Eisenbahn. Foto: privat

Schon auf der ersten Reise, erzählt sie und lacht, sei ihr klar geworden: „Eigentlich ist Singen mein Auftrag.“ Sie hatte damals schon ein bisschen zu jodeln begonnen, sie begreift das Jodeln als „Freudenschrei und Kraftgesang“, sie sagt: „Das ist voll meins, zum Abendsegen in den Bergen stehen und jodeln.“ Inzwischen kann man bei ihr, die eigentlich gedacht hatte, nie sesshaft werden zu können und jetzt doch mit Mann und Sohn Wurzeln geschlagen hat in Landsberg, in verschiedenen Singgruppen die eigene Stimme, die Singstimme wie die innere Stimme, kennenlernen. Also, wenn nicht gerade Corona ist. Man kann sie in verschiedenen Formationen auf verschiedenen Bühnen erleben, mal zusammen mit der Geigerin Magdalena Fingerlos, mal mit der Geschichtenerzählerin Katharina Ritter, zwischen deren Geschichten sie dann Akkordeon spielt. Sie arbeitet noch immer als Musiktherapeutin in der Erwachsenenpsychiatrie.

Und engagiert sich eben darüber hinaus dafür, dass die Welt, auf der wir alle leben, noch eine Weile erhalten bleibt. Sie sagt, sie wolle mit ihrer Initiative „meine Liebe für die Welt“ zum Ausdruck bringen. Ein erstes Singing Planet-Festival ist 2019 über die Bühne gegangen, begleitet von verschiedenen Kunstkationen. Bei der Landsberger Kunstnacht konnte man Doro Heckelsmüller dann wiederum erleben, wie sie und ihre Mitstreiterinnen, weil sie ja einen Stein ins Rollen bringen wollen, eine Riesenkugel aus Weidengeflecht durch Landsberg rollten, aus der irgendwann ein kleiner, beleuchteter Erdballon aufgestiegen ist. Dazu jodelten alle zusammen: „Passt’s auf d‘ Erd auf!“ Im Frühjahr 2021 hat sie eine Veranstaltungsreihe mit der Volkshochschule Landsberg initiiert mit Vorträgen, verschiedenen Aktivitäten und Exkursionen, Überschrift: „Halber Konsum – doppelter Genuss“.

Doro Heckelsmüller, die, kurz bevor man sie besucht hat in ihrer schönen Wohnung mitten in der Fußgängerzone, 50 geworden ist, weshalb das Wohnzimmer noch immer voll ist mit Blumen und Geschenken, sagt: „Ich will nichts anprangern.“ Sie wolle die „Spürsinnigkeit der Menschen“ aktivieren, sie glaubt, wir sollten und wir könnten feiner schwingen, als wir das im Moment tun. Auf ihrem Flyer steht: „Möge unser Planet weithin erkennbar sein, weil die Vögel, die Wale, die Bäume, das Wasser … und wir Menschen mit der Vielfalt unserer Stimmen aus vollem Herzen singen!“

Dieser Artikel ist im März 21 in der „SZ“ erschienen.

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Andrea Kästle lebt, seit sie 18 ist, vom Schreiben. Sie war in Wien beim „Falter“, dann lang bei der Münchner Abendzeitung, seit deren Verkauf arbeitet sie frei. Sie hat ein Unternehmen, in dem sie Privatbiographien schreibt und herausgibt und unterrichtet auch Biographisches Schreiben. Mehr auf leben-und-schreiben-lassen.de.


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